Hörspielrezension: «Der Fjord (2)» (Hanseklang)

by 13.12.16 0 Kommentare

Nachdem das Hörspiellabel Hanseklang aus Kiel mit seiner EcoHorror-Hörspielreihe Blauer Planet ein erstes Ausrufezeichen setzen konnte, veröffentlichte man Anfang März 2016 den ersten von insgesamt drei Teilen des Mystery-Hörspiels Der Fjord (ich rezensierte ihn hier). Seit Ende Oktober liegt mit Der Fjord (2) nun auch der mittlere Akt vor. Und wie schon sein Vorgänger, hat auch Teil 2 es in sich – und zwar in jeder Hinsicht.

Der Fjord ist seit Jahrhunderten eine Quelle der Sagen und Legenden für sein Volk, das an den Ufern ein von Armut geprägtes Leben abseits der Zivilisation fristet. Als Filip Johansen aus dem Krieg zurückkehrt, führt ihn sein Weg in eine von Vergangenheit und Gegenwart verzerrte Welt. Schon bald stellt er fest, dass etwas mit dem Tod der Frau seines Bruders Kristian nicht stimmt. Auf der Suche nach Hinweisen stößt Filip auf Briefe, die sein Vater geschrieben hat. Er ahnt nicht, dass er damit eine Tür öffnet, die besser für immer verschlossen geblieben wäre. Der Spur seines Bruders folgend, macht sich der junge Mann auf zu einer Reise jenseits der Grenzen von Raum und Zeit. Als der Fjord sein dunkles Geheimnis preisgibt, muss Filip Johansen den Kampf erneut aufnehmen. Doch diesmal ist er selbst sein größter Feind. (Klappentext)

Lediglich in Nuancen unterscheidet sich der Klappentext des zweiten Teils von dem der Auftaktfolge. Ein interessanter Schachzug des Labels, durch den Hanseklang die Hörer herausfordert, sich quasi ohne Vorabinformationen auf das einzulassen, was in den folgenden ca. 67 Minuten auf sie zukommt. Ein Wagnis, das einzugehen sich aber definitiv lohnt, da Der Fjord (2) in Sachen inhaltlicher Dichte und bedrückender Atmosphäre seinem Vorgänger in nichts nachsteht. Zwar kommt Filip Johansen in der zweiten der aktuellen Folge seinem Ziel, das Mysterium des Fjords zu entschlüsseln, ein deutliches Stück näher – jedoch nur, um zu erkennen, dass die Antworten, die er findet, jenseits der Rationalität liegen: Kann es wirklich sein, dass Realität und Mythen an diesem Ort verschmelzen, während Raum und Zeit ihren Charakter als verlässliche Determinanten verlieren? Oder reflektiert der Fjord lediglich die Sehnsüchte der Menschen mit ihrem Verlangen nach Frieden, Liebe und dem Wunsch, Vergangenes ungeschehen zu machen? Wie dem auch sei, wer sich zu sehr mit dem Fjord und seinen Geheimnissen beschäftigt, zahlt dafür einen hohen Preis. Und Filip muss sich entscheiden, ob er nach seinem Vater und seinem Bruder der nächste sein will, der dem Fjord Tribut zollen muss. Neben der Auseinandersetzung zwischen Mensch und Natur bzw. dem Widerstreit zwischen Rationalität und Mythologie kennt Folge 2 mit der Rivalität zwischen den Brüdern Filip und Kristian Johansen noch eine dritte Konfliktlinie, die vom klassischen Motiv der Leidenschaft für die gleiche Frau geprägt ist. Die Fehde der beiden Söhne des George Johansen, die sich im Verlauf der Handlung immer weiter zuspitzt, scheint dabei ohne finale Konfrontation nicht lösbar. Zwar lassen die Ereignisse die Unterschiede im Wesen der beiden Männer klar hervortreten, zeigen aber gleichzeitig auch, dass sie sich in vielerlei Hinsicht ähnlicher sind, als sie es wahrhaben möchten. Und zugleich stehen Kristian und Filip charakterlich auf den Schultern ihres Vaters. Wie der Vater, so die Söhne. Oder anders gesagt: Der Stoff, aus dem Mythen geboren werden.

Schon bei Folge 1 stammte nicht nur das Skript von Hannes Moorhahn; der Kieler hatte zudem die Regie übernommen. Und auch dieses Mal war er Autor und Regisseur in Personalunion. Roman Knizka (als Filip Johansen), Nils Aulike (Kristian Johansen), Jenny Maria Meyer (Tarja) und Sven Matthias (Henri Magnussen) liefern unter seiner Regie glaubwürdige Portraits ihrer Charaktere ab. Knizka spielt Filip Johansen als einen bodenständigen, von Kriegserlebnissen teilweise traumatisierten Mann, der seinen inneren Frieden verloren hat. Wenngleich er gerne zur Ruhe kommen würde, ist er doch ein Getriebener – gelockt und gleichzeitig erschreckt von dem, was der Fjord ihm Stück für Stück offenbart. Nils Aulike darf als Kristian Johansen dieses Mal deutlich härter und wilder agieren als zuvor – eine Wandlung, die der Sprecher umsetzt, ohne die Figur zu überzeichnen und sie dadurch ihrer Bodenhaftung zu berauben. Und auch Sven Matthias nimmt man seine Darstellung des nüchternen, desillusionierten Fliegers Henri Magnussen jederzeit ab. Da zudem auch das restliche Ensemble mit großer Spielfreude bei der Sache ist, bestätigt Der Fjord (2) den überaus positiven Eindruck, den der Cast bereits in der Auftaktfolge hinterlassen hatte.

Wie eingangs bereits erwähnt, ist Der Fjord (2) von der gleichen düster gedrückten Atmosphäre durchzogen, die auch schon Folge 1 geprägt hatte. Abermals verzichtet Hanseklang auf ein Soundgewitter, sondern setzt stattdessen weiterhin auf dezente, dadurch jedoch nicht weniger wirkungsvolle Geräusche sowie Atmos, die in Ostholstein und in einem Haus in einem Kieler Stadtwald unter Livebedingungen aufgenommen wurden. Das Ergebnis ist ein von einer beklemmenden Stimmung des Vagen und Unabsehbaren gekennzeichneter Klangraum. Verstärkt wird dieses Gefühl beim Hörer noch durch den Soundtrack mit seinen getragenen, dunklen Melodien. Der Aufwand, der in diesem Punkt vom Label betrieben wurde, zahlt sich auf ganzer Linie aus und lässt einen als Hörer definitiv nicht unbeeindruckt.

Der Fjord (2) knüpft in allen Belangen an den überzeugenden ersten Teil an und setzt dadurch die Saga um Filip Johansen und den Fjord in überaus gelungener Weise fort. Im Frühjahr 2017 soll sie mit dem dritten Kapitel dann ihren Abschluss finden. Bis dahin sei nach Folge 1 nun auch Der Fjord (2) allen Mystery-Fans wärmstens ans Herz gelegt.



WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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