Hörspielrezension: «Vergessene Märchen 1» (RRR Audiovisuelle Medien)

by 22.5.16 0 Kommentare

Zwischen 1812 und 1850 gaben Jacob und Wilhelm Grimm ihre Sammlung Kinder- und Hausmärchen heraus, die man gemeinhin auch als Grimms Märchen bezeichnet. Über 200 Geschichten wurden von den Gebrüdern Grimm im Laufe der Jahre zusammengetragen; darunter Erzählungen wie Hänsel und Gretel, der Froschkönig, Aschenputtel, Rotkäppchen oder Rapunzel, die bis heute jeder kennt. Ein solch anhaltender Erfolg blieb Ludwig Bechsteins Deutsches Märchenbuch und Neues Deutsches Märchenbuch von 1845 bzw. 1856 dagegen verwehrt. Nur Insidern sagen diese Titel noch etwas, wie auch der Großteil der enthaltenen Märchen mittlerweile dem Vergessen anheim gefallen sind. Zwei davon möchte das Label RRR Audiovisuelle Medien nun aus ihrem Dornröschenschlaf erwecken und präsentiert sie zu diesem Zweck in der ersten Folge der neuen Hörspielreihe Vergessene Märchen, die seit dem 16. Mai 2016 erhältlich ist.

In Der Wandergeselle erhält ebendieser von einer alten Frau ein besonderes Geschenk: drei verzauberte Hunde. Mit diesen zieht er in die Welt hinaus und nimmt es dabei mit dem Bösen in Person eines räuberischen Wirts, eines hinterlistigen Kutschers und sogar dem Teufel selbst auf. Aber was tut man nicht alles, um das Herz der schönen Prinzessin zu erobern!

Vom Knaben, der das Hexen lernen wollte, erzählt die zweite Geschichte. Dessen Name ist Friedel, der, weil er jung und naiv, im Wald einer alten Hexe auf den Leim geht, die selbstredend Böses im Schilde führt. Doch Lieschen, die Magd der Hexe, funkt der Alten dazwischen und tritt zusammen mit Friedel, in den sie sich verliebt hat, die Flucht an. Wie es sich für eine ordentliche Hexe gehört, lässt diese sich das nicht einfach so gefallen, sondern nimmt auf ihrem Besen die Verfolgung auf.

Mit einem lernbegierig von zu Hause ausziehen den jungen Mann weisen beide Geschichten ein gemeinsames Motiv auf. Da bot es sich für RRR schon aus inhaltlicher Sicht an, sie als Doppelpack auf einer CD zu präsentieren. Die Gesamtspielzeit von ca. 50 Minuten verteilt sich dabei recht unterschiedlich: Der Wandergeselle bildet mit ca. 34 Minuten die Hauptveranstaltung, Der Knabe mit 16 Minuten eine Zugabe. Wer die Märchenproduktionen des seligen Schallplattenzeitalters kennt, dem wird das Konzept einer längeren ersten und kürzeren zweiten Geschichte vertraut vorkommen. Auch in puncto Inszenierung gibt sich RRR klassisch, indem man die Spielszenen sich abwechseln lässt mit den Ausführungen eines ziemlich gut beschäftigten Erzählers. Dirk Heinrich ist dieser Erzähler, und er führt mit angenehmer Stimme sicher durch das Geschehen. Martin Sabels Stimme ist eine Spur zu alt für die eines jungen Gesellen, doch ansonsten überzeugt Sabel durch sein engagiertes Spiel. Hört man Timo Wussow, denkt man ebenfalls nur bedingt an einen Knaben, doch die Naivität der Figur schwingt sehr schön in seinem Tonfall mit. Bert Stevens ist ein herrlich fieser Wirt und Tanja Niehoff eine bezaubernde Prinzessin. Mit dem Mütterchen und der Hexe spricht Anette Gunkel gleich zwei alte Frauen. Und alle klingen sie so, wie es sich eben anhört, wenn man als Label eine Sprecherin in den mittleren Jahren bucht, damit sie alte Frauen verkörpert: deutlich zu jung. An Anette Gunkels Fähigkeiten besteht kein Zweifel, denn sie besitzt jahrelange Erfahrung; doch die Rollen, für die sie von RRR geholt wurde, sind einfach nicht ihre. Als Frau des Wirts wäre sie beispielsweise glaubwürdiger gewesen. Dieser Part (und der des Lieschens im Knaben) ging stattdessen an Dagmar Bittner, die es erfolgreich schafft, beiden Figuren Leben einzuhauchen.

Um Vitalität bemüht sich auch das Sounddesign, hat dabei aber Schwierigkeiten, eine kohärente Atmosphäre aufzubauen. Und zwar nicht, weil die Entscheidung der Macher, auf dezent eingesetzte Effekte zu setzen, falsch gewesen wäre. Die war goldrichtig, passt dieser Ansatz doch sehr gut zu solch einer Art von Hörspiel. Das Problem ist ein ganz anderes: Wie als bestände die Gefahr, eine Klangkulisse könnte die Zuhörer von dem ablenken, was der Erzähler zu berichten hat, herrscht während seiner Passagen weitgehend Stille. Die Stimmung, die zuvor in der Spielhandlung aufgebaut wurde, reißt dadurch immer wieder ab, um dann erneut aufgenommen zu werden. Es entsteht der Eindruck eines Nebeneinanders; so als klinke man sich wieder in eine Handlung ein, aus der man zuvor ausgestiegen ist, um sich dem Erzähler zuzuwenden. Das ist nicht sonderlich elegant und wirkt auf die Dauer doch recht störend. Vor allem, da die Erzählerparts nicht gerade kurz ausfallen. Immer dann, wenn die Soundkulisse aber ihre Wirkung entfalten darf, tut sie es auch. Zugegeben, hier und da hätte man sich noch ein paar Effekte mehr gewünscht. Doch insgesamt ist RRR ein ansprechender Klangraum gelungen. Unterstützung erfährt er dabei von einem unaufdringlichen, auf die Thematik dieses Hörspiels passend abgestimmten Soundtrack.

Vergessene Märchen 1 wurde vom Label mit einer Altersempfehlung ab 5 Jahren versehen. Die Frage, ob gewisse Szenen für den einen oder anderen sehr jungen Hörer vielleicht nicht doch etwas zu grausam sind, will ich an dieser Stelle nicht diskutieren. Das zu entscheiden, ist keine Sache für einen Rezenten, sondern fällt in den Zuständigkeitsbereich der Eltern. Hinzugedichtet hat RRR aber auf jeden Fall nichts, denn z.B. die Szene im Wirtshaus steht genau so im Märchen. Wer daran zweifelt, kann es sich im Internet gerne durchlesen. Wirklich spannend, wie wenig zimperlich man früher war. Oder sind wir heutzutage nur extrem sensibel?

Es gehört schon eine ordentliche Portion Mut dazu, sich in der Hörspielwelt des Jahres 2016 überhaupt auf das Thema Märchen einzulassen. Denn Megaseller generiert man damit nicht. Erst recht nicht mit Märchen, die weitgehend in Vergessenheit geraten sind. RRR Audiovisuelle Medien besitzt diesen Mut. Alleine dafür muss man dem noch jungen ein Kompliment machen. Für die erste Ausgabe der Vergessenen Märchen wurden zwei interessante Geschichten ausgewählt und auf solide Art inszeniert. Luft nach oben besteht zweifelsohne, doch es handelt sich erst um das dritte Hörspiel von RRR - da ist es natürlich, dass noch Entwicklungspotenziale bestehen. Bleibt zu hoffen, dass auch das Publikum mutig ist und Vergessene Märchen 1 eine Chance gibt. Denn ich würde gerne noch weitere Folgen dieser Reihe erleben.


Vergessene Märchen 1 ist eine Produktion von RRR Audiovisuelle Medien. Seit dem 16. Mai 2016 ist es im Handel.



WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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