Hörspielrezension: «Abwärts» (Lindenblatt Records)

by 27.2.15 0 Kommentare

Zuerst war Abwärts ein Film von Carl Schenkel aus dem Jahre 1984, basierend auf einem Drehbuch von Frank Göhre. Später dann arbeitete der Autor sein Skript zu einem Roman aus. Und nun erlebt die Geschichte eine dritte Inkarnation: als Thriller-Hörspiel aus dem Hause Lindenblatt Records. Für seinen Dark-Future-Vierteiler Humanemy erhielt das Label 2013 völlig zu Recht viel Lob und Anerkennung; und auch ihr neues Werk – eine echte Mammut-Produktion mit über dreieinhalb Stunden Laufzeit – ist ein Treffer.

Es ist Freitag Abend in der Großstadt. Das Bürohochhaus ist längst verlassen. Doch vier Nachzügler bleiben mit dem Aufzug in schwindelnder Höhe stecken. Auf den ersten Schrecken folgt die Angst - und die eigenen Dämonen werden immer lauter...

Abwärts richtet sich an ein aufgeschlossenes und anspruchsvolles Publikum, das bereit ist, sich auf eine Erzählung mit Ausdauer und auch Geduld einzulassen. Letztere ist besonders im ersten Drittel der Geschichte von Nöten, denn dort hat das Hörspiel doch etwas mit der Etablierung des Spannungsbogens zu kämpfen. Von allen drei CDs hat die erste mit ca. 65 Minuten die kürzeste Spielzeit (die anderen laufen 74 bzw. 75 Min.), doch die Handlung entfaltet sich so behutsam, dass dieser Teil der Story einem als der längste vorkommt, obwohl genau das Gegenteil der Fall ist. Hat man die erste Stunde allerdings hinter sich gebracht, wird man Zeuge, wie der Plot merklich Fahrt aufnimmt. Und dieses Tempo kann das Hörspiel auch bis zum Schluss halten.

Der ausgebrannte Werbegrafiker; dessen Kollegin, die im Begriff ist, ihn auf der Karriereleiter abzuhängen; der von seinem Chef stets gedemütigte Buchhalter; der Kurierfahrer, hinter dessen jugendlich-cooler Attitüde sich jedoch schiere Perspektivlosigkeit verbirgt. Solchen Menschen im Alltag zu begegnen, fällt nicht besonders schwer. Und auch das Szenario, mit der sich das Quartett Jörg, Marion, Gössmann und Pit unvermittelt konfrontiert sieht, ist im Kern eine Bagatelle: Ärgerlich zwar, doch nun wirklich kein Weltuntergang. Doch Frank Göhre macht aus der Fahrstuhlkabine mehr als ein Stück Technik, das zu einem ungünstigen Zeitpunkt seinen Dienst einstellt. Er macht sie zum Sinnbild für die Lebenssituation der Protagonisten. Wie der Lift, so steckt auch Jörg fest: beruflich wie privat. Und wie der Kabine, so droht ihm im Job der freie Fall ins Bodenlose. Marions Ambitionen sind von ihrer Umwelt stets gebremst worden; nun wird sie wieder gegen ihren Willen festgehalten. Der Versuch des Buchhalters Gössmann, nach Jahren des Buckelns vor seinem Boss Roski endlich aus seinem Leben auszubrechen, ist so kurzlebig wie die Fahrt des Aufzugs – nach wenigen Metern ist Schluss. Und auch Pits Lage ist mit der des Lifts vergleichbar: Er befindet sich mit seiner Existenz antriebslos im Irgendwo.

Stefan Lindners Spielbuch gelingt es hervorragend, diese Ebene von Göhres Roman einzufangen. Auch die Vielschichtigkeit der Charaktere, die im Verlauf der Handlung von Zweckoptimismus über Verzweiflung und Eigeninitiative bis hin zum Opportunismus und Egoismus die ganze Palette menschlicher Verhaltensweisen an den Tag legen, ist erhalten geblieben. Ebenfalls in das Hörspiel geschafft haben es jedoch auch einige Szenen und kürzere Erzählstränge abseits des primären Plots, die verzichtbar gewesen wären, da sie kaum bzw. gar nichts zur Haupthandlung beitragen. An diesem Punkt wäre weniger tatsächlich mehr gewesen, zumal gerade das erste Drittel der Geschichte von einem höheren Grad an Stringenz profitiert hätte. Ein kleiner Schönheitsfehler. Makellos hingegen präsentiert sich die Leistung des Casts, den Lindenblatt für Abwärts vor das Mikrophon holen konnte. Ralf Richter (Jörg), Stephanie Marin (Marion), Stefan Lindner (Pit), Tonio von der Meden (Gössmann), Simon Pearce, Maik van Epple, Oliver Mink, Harald Friedlin, Petra Konradi, Patrick Borlé und Thomas Lindner hauchen den von ihnen zu verkörpernden Figuren eindrucksvoll Leben ein. Marc Schülert führt als Erzähler sicher durch die Handlung. Eingebettet sind die Dialoge in eine Klangkulisse, für die Thomas Lindner verantwortlich zeichnet, der neben den Sounds auch den Schnitt und die finale Abmischung besorgte. Zusammen mit dem Soundtrack von ARL3CCH1NO und Heiner Jaspers (die beiden Tracks finden sich auf CD 1) ergibt sich ein akustisches Gesamtbild von hoher Qualität und Überzeugungskraft.


Mit Abwärts legt Lindenblatt Records einen spannenden und intelligenten Thriller mit einem hinreißend agierenden Cast vor, der definitiv eine große Hörerschaft verdient hat. Für alle Hörspiel- und auch Hörbuchfans, die eine Produktion abseits der ausgetretenen Pfade des Mainstreams erleben möchten, ist Abwärts genau das, wonach sie gesucht haben.

Abwärts ist ein Thriller-Hörspiel von Lindenblatt Records. Seit heute ist es offiziell im Handel erhältlich.



WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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