Hörspielrezension: «Blutige Fährten» (Ohrenkneifer)

by 12.11.14 0 Kommentare

Ende August war der Ohrenkneifer bereits einmal Thema in diesem Blog. Lag der Grund seinerzeit in dem Release des Hörspiels South of Marktet, so ist es nun die zur Veröffentlichung anstehende neue Produktion Blutige Fährten, die meine Aufmerksamkeit erneut auf das Label lenkt. Marc Schülert gibt mit diesem Hörspiel seinen Einstand als Produzent einer kommerziellen Produktion. Sie kommt am 14. November 2014 offiziell in den Handel.

Der Westen. Irgendwann gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Um den Schatten seiner Vergangenheit zu entkommen, verlässt der trinksüchtige Ex-Marshall Nathan Holt seine alte Heimatstadt White Falls, um in dem Goldgräberkaff Bollock ein neues Leben anzufangen. Doch nicht nur, dass ihm der hiesige Marshall Wallace mit offenem Argwohn begegnet, so treibt auch noch ein bestialischer Killer sein Unwesen in der Gegend. Gemeinsam mit Wallace' Tochter Amber nimmt Holt die blutige Spur des Mörders auf, ohne zu merken, dass er selbst ein Teil des bösen Spiels ist.

Blutige Fährten wurde mir als Western-Thriller angekündigt. Auf den ersten Blick eine etwas ungewöhnliche Kombination, doch da wir ohnehin im Zeitalter des Genre-Mix leben und ich mit Cowboys & Aliens schon seltsamere Mischungen erlebte hatte, fand ich schnell zu dem Standpunkt: Warum eigentlich nicht? Hinzu kam, dass das Skript von Franjo Franjkovic stammt, der als Referenz nicht nur eine ganze Reihe von Dialogbüchern zu kommerziellen wie unkommerziellen Hörspielen vorweisen kann, sondern dessen jüngst erschienene Novelle Sommerberg mich überaus angesprochen hatte. Marc Schülert war mir als Sprecher aus Produktionen der freien Szene bereits ein Begriff und als Verantwortlicher für Schnitt und Sounddesign des Hörspiels Mein eigen Fleisch und Blut von Push My Belly hatte er bei mir einen sehr positiven Eindruck hinterlassen. Auch bei Blutige Fährten liegen Schnitt und Produktion in Schülerts Händen, und er leiht außerdem der Hauptfigur Nathan Holt seine Stimme. Alle diese Umstände führten dazu, dass ich Blutige Fährten nicht nur mit Neugier, sondern auch mit einer entsprechend großen Erwartungshaltung entgegensah. Also lud ich meinen Rezensenten-Revolver und gab dem CD-Player die Sporen.

Mit auf zwei CDs verteilten ca. 110 Minuten Laufzeit hat Blutige Fährten einen Umfang, der deutlich über dem liegt, was man im kommerziellen Bereich zumeist gewöhnt ist. So mancher Autor bekommt bei Hörspielen solcher Länge bisweilen Schwierigkeiten mit dem Aufspannen eines vernünftigen Spannungsbogens. Doch nicht so Franjkovic: Eingebettet in eine Rahmenhandlung, aus der heraus der Protagonist Holt seine Erlebnisse in Bollock rückblickend erzählt, entwickelt der Autor einen gut getimten und durchweg spannenden Erzählstrang, in den er neben etlichen Wendungen nicht zuletzt auch eine Reihe von falschen Fährten für den Hörer eingeflochten hat. Franjkovic spielt geschickt mit den Erwartungen des Publikums und versteht es, den Plot immer dann in eine andere Richtung zu treiben, wenn man sich eigentlich sicher ist, wie die Geschichte wohl weitergehen wird. Dadurch fordert er der Hörerschaft ein erhöhtes Maß an Aufmerksamkeit ab, läd es aber gleichzeitig auch zum mitfiebern und miträtseln ein. Als Bezugspunkte bietet Franjkovic mit Nathan Holt, Marshall Wallace und Amber Wallace ein Trio mit ganz unterschiedlichen, teilweise auch ambivalenten Charakterzügen an. Es sind glaubwürdige, geerdete, vom Leben geprägte und gezeichnete Figuren, die einem in Blutige Fährten begegnen. Strahlende Helden sucht man vergeblich.

Marc Schülert inszeniert Franjkovics Geschichte mit einem ausgeprägten Gespür für das Schaffen von Atmosphäre durch eine ausgefeilte Geräuschkulisse. Geradezu detailverliebt erweckt Schülert den Westen der USA an der Schwelle zum 20. Jahrhundert vor dem geistigen Auge des Hörers zum Leben, und die Handlung von Blutige Fährten profitiert in ihrer Wirkung enorm von dem großen Aufwand, der in Sachen Soundeffekte getrieben wurde. Die Musik von Michael Donner und Jörg Purfürst tut ein übriges, diesem Hörspiel einen akustisch stimmigen Rahmen zu geben, in den die Dialoge optimal eingebettet wurden. Mit ihrer Erfahrung kitzelt Regisseurin Christiane Marx feine Nuancen aus den Dialogen heraus, die ihnen zusätzliche Authentizität und damit Wirkung verleihen. Was Regie, Schnitt und Abmischung angeht, gibt sich diese Produktion daher zu keinem Zeitpunkt eine Blöße.

Die Besetzungsliste wird, ich sagte es bereits, von Marc Schülert in der Rolle des Nathan Holt angeführt. Der aus dem Synchron und durch zahlreiche Audioproduktionen bekannte Detlef Bierstedt verkörpert Marshall Wallace, Christiane Marx dessen Tochter Amber. Des weiteren gehören Oliver Kube, Petra Konradi, Robert Frank, Gabriele Blum, Mica Wanner, Elmar Börger, André Beyer, Werner Wilkening, Jens Wenzel und Jannes Wellenkamp zum Cast, der vom gut aufgelegten und eine ganz große Show abliefernden Santiago Ziesmer abgerundet wird. Von der Sprecherseite her geht es also in Blutige Fährten absolut professionell und damit hochwertig zu.

Wie schon South of Market (siehe Rezension), so ist auch diese Ohrenkneifer-Produktion eine, die sehr viel Lob verdient. Marc Schülerts Debüt als Produzent eines kommerziellen Hörspiels kann man darum als absolut gelungen bezeichnen. Seiner zupackenden Inszenierung ist es zu verdanken, dass einem so manche Schwächen in der Logik erst auffallen, nachdem man dem Hörspiel gelauscht und die Geschichte anschließend noch einmal Revue passieren lässt. Während sie läuft, ist man hingegen so von der Handlung gefesselt, dass man nicht dazu kommt, über so gewisse Dinge wirklich nachzudenken. Ein klares Indiz für die Fähigkeiten von Marc Schülert als Produzent. Zu der etwas süßlichen Art und Weise, wie Franjo Franjkovic die Rahmenhandlung ausklingen lässt, hätte es sicher Alternativen gegeben, und manche hätten vielleicht besser gepasst. Unbefriedigend ist der gewählte Weg deshalb aber absolut nicht. Selbiges kann ich vom Cover dieses Hörspiels leider nicht sagen. Es transportiert die Stimmung der Geschichte nicht und weckt beim Betrachter auch keine übermäßige Neugier. Marc Schülert hat dieses Layout offensichtlich überzeugt – mich nicht. Als geradezu verzichtbar erachte ich zudem das Titellied, das man besser als Post-Credits-Song bezeichnen sollte. Denn an dieser Stelle im Hörspiel ist er zu hören. Im Making-of, das als exklusiver Bonus der CD-Version geliefert wird, berichtet Schülert, die Idee dazu sei ihm durch das Hörspiel Hydrophobia von Mit-Ohrenkneifer Dirk Hardegen gekommen. Dort gehörte der Titelsong jedoch zum musikalischen Gesamtkonzept der Produktion, was bei Blutige Fährten aber nicht der Fall ist. Ein rein instrumental vorgetragenes Stück, gestützt auf Matthias Willers Slideguitar wäre mit Blick auf den restlichen Soundtrack die bessere, weil stimmigere Wahl gewesen.

Die Sonne steht tief über der Prärie, der Rezensenten-Revolver ist leer und darum kommt nun die Zeit für das Fazit. Die Mischung aus Western und Thriller geht in der Tat auf und fesselt über die gesamte Spielzeit. Das Team Franjkovic-Schülert hat bei Blutige Fährten ganze Arbeit geleistet; ein Kompliment, das man auch der Besetzung machen kann. Kritik muss sein und ich habe sie ja auch geäußert. Dennoch halte ich Blutige Fährten für absolut empfehlenswert und bin schon auf die nächste Produktion aus dem Hause Ohrenkneifer gespannt.

Blutige Fährten ist ab dem 14. November 2014 im Handel oder auch direkt beim Label erhältlich.



WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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