Hörspielrezension: «South of Market» (Ohrenkneifer) ab 29.8.2014 im Handel

by 27.8.14 0 Kommentare

Wenn der Begriff hard-boiled Krimi fällt, assoziiert man ihn unweigerlich mit Autoren wie Dashiell Hammett oder Raymond Chandler. Der Name Joe Gores (1931-2011) ist trotz des umfangreichen Werkes, das der Amerikaner über die Jahre schuf, hingegen weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, wie Dirk Hardegen vom Label Ohrenkneifer findet, weshalb er Gores' Geschichte South of Market zur Grundlage eines Hörspiels machte, das am Freitag, den 29. August 2014, in den Handel kommt.

South of Market, das Schmuddelviertel von San Francisco, ist das Revier von Glücksritter Rick. Ein gefährlicher Ort, aber der smarte Einzelgänger kommt zurecht. Bis er den alten Saufbold Kiely trifft, der ein dunkles Geheimnis im Schlepptau hat. Es entbrennt eine gnadenlose Gangsterjagd - und Rick lernt schnell: Niemand ist seines Lebens sicher…

"You got to ask yourself one question: Do I feel lucky?" Es gibt wohl keine zwei anderen Filme, die das Image der Westküstenmetropole San Francisco beim Zuschauer so nachhaltig geprägt haben, wie Bullitt (1968) und Dirty Harry (1971). Und genau das Flair dieser Klassiker wollte Dirk Hardegen für seine Hörspielfassung von South of Market wieder einfangen. Es ist ihm gelungen: Möwen kreischen, Cable Cars rattern, Straßenkreuzer gurgeln durch die Dämmerung und der Diner, in dem der Plot seinen Anfang nimmt, könnte auch jener sein, in den Harry Callahan einzukehren pflegte. Die frühen 1970er sind eine miese Zeit für Amerika und die Geschichte ist angefüllt mit menschlichem Treibgut. Oder man könnte auch sagen: Mit kleinen Fischen und einigen ziemlich gefräßigen Haien. Strahlende Helden? Fehlanzeige! South of Market ist nämlich klassisches hard-boiled-Material: schmutzig, brutal und straight. Die Geschichte erzählt von den Schattenseiten der menschlichen Existenz, lebt von ihrem rauen Charme und Hardegen war gut beraten, sich eng an die Vorlage zu halten und nur kleinere Zugeständnisse zu machen, anstatt die Story massiv zu modernisieren. Denn so bewahrt er ihre Authentizität und Integrität. 

Die literarische Vorlage kommt auf gerade etwas mehr als ein Dutzend Seiten, woraus sich erklärt, warum die Zeichnung der Figuren zwar ansprechend, aber nicht übermäßig tief ist. Den Protagonisten einmal ausgenommen, denn ihn lässt man eine emotionale Achterbahnfahrt durchmachen, die Einblicke in sein Wesen zulässt. Dafür ist im Gegenzug das Erzähltempo recht hoch, die Figuren sind ständig in Bewegung und die Spannung reißt über die gesamten 42 Minuten Spielzeit niemals ab, zumal es auch an der einen oder anderen plötzlichen Wendung nicht fehlt. Den allerletzten Twist hat Dirk Hardegen übrigens in den Credits versteckt, die man sich deshalb in voller Länge unbedingt anhören sollte.

Beim Ohrenkneifer hat man es sich zum Prinzip gemacht, bei der Besetzung der Rollen nach Möglichkeit auf einen festen Stamm an Sprecherinnen und Sprechern zurückzugreifen. Den Part des Protagonisten Rick, der als Ich-Erzähler durch die Geschichte führt, hat Dirk Hardegen selbst übernommen, als Kiely ist Bert Stevens zu hören. Marc Schülert verkörpert Rick's Kumpel Nat und den skrupellosen Emmy gibt Detlef Tams. Das Sprecherquintett kann in seinen Rollen wirklich überzeugen, denn die Stimmen passen optimal zu den jeweiligen Charakteren. Den Cast vervollständigen Holger August, Horst Kurth, Sönke Strohkark, Holger Kliem, Falk T. Puschmann, Sabine Hardegen, sowie Luna und Nicolas Kurth. Auch sie alle hinterlassen einen positiven Eindruck beim Hörer.

South of Market ist ein Hörspiel mit sehr viel Musik, für die ebenfalls Dirk Hardegen verantwortlich zeichnet. Zumeist hält sie sich eher im Hintergrund und obwohl sie nicht unpassend ist, fällt sie nicht so funky aus, wie es angesichts der Location und Ära, in der die Geschichte angesiedelt ist, denkbar gewesen wäre. Aber vielleicht sind da die Erwartungen auch einfach zu sehr durch die Musik von Lalo Schifrin geprägt, die er für die Soundtracks von Dirty Harry und Bullitt komponierte. So oder so verleiht Dirk Hardegen auch dieser Produktion wieder ein eigenständiges musikalisches Profil. Der Produzent hat es sich übrigens erneut nicht nehmen lassen, ein Making-of zu produzieren, in dem er auf unterhaltsame Art Einblick in die Hintergründe der Produktion gewährt. Eine wirklich feine Sache, die anderen Hörspielmachern zur Nachahmung empfohlen sei.

Go ahead, make my day! Nachdem der Ohrenkneifer seine Hörer zuletzt in Hydrophobia die Tiefen des Mittelmeeres kennenlernen ließ, entführt er sein Publikum nun in die Straßen von San Francisco*. Mit South of Market beweist Dirk Hardegen erneut sein Gespür für besondere Stoffe abseits des Mainstreams. Mit Respekt vor dem Ausgangsmaterial hat der Ohrenkneifer diese Geschichte von Joe Gores in ein spannendes Hörspiel verwandelt, das mit einer dichten Atmosphäre, überzeugenden Sprechern und einer zupackenden Story punkten kann. Darum sei Hörspielfans und Liebhabern des Hard Boiled ein Abstecher in das Viertel südlich der Market Street San Franciscos wärmstens ans Herz gelegt.

South of Market ist ab dem 29. August 2014 erhältlich.




*Anm. d. Rezensenten: Entschuldigung, aber der musste einfach sein!

WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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