Hörspielproduktionen durch Crowdfunding: Modeerscheinung oder Zukunftsmodell?

by 14.7.11 0 Kommentare
In der deutschen Hörspiellandschaft kriselt es nun bereits seit mehreren Jahren und eine Wende hin zum Besseren ist derzeit nicht in Sicht. Nicht nur, dass andere Medien, wie zum Beispiel das Fernsehen, dem Hörspiel schon lange der Rang abgelaufen haben und das allgegenwärtige Internet illegalen Downloads Tür und Tor öffnet, so ist mit dem Hörbuch inzwischen ein weiterer Konkurrent auf den Plan getreten, der ebenfalls um die Aufmerksamkeit des hörbereiten Publikums buhlt. Allein der schiere Output an Audio Books ist dabei geeignet, das Hörspiel in den Hintergrund zu drängen. Hörbücher sind in, was sich schon daran ablesen lässt, dass dass manche Label ihre Produktionen nicht mehr als Hörspiele sondern als inszenierte Hörbücher anpreisen.

Unter der angespannten Situation haben alle etablierten Label zu leiden. Doch während die großen Produzenten zumindest derzeit noch in der Lage sind, mit den Gewinnen aus gut laufenden Serien Verluste an anderer Stelle wieder auszugleichen, treffen die Umsatzrückgänge die kleinen Label sehr hart und zwingen immer wieder Hörspielschmieden dazu, sich aus dem Markt zurückzuziehen. Letztes prominentes Beispiel ist in diesem Zusammenhang das Label Lausch, das für ansprechende Erwachsenenhörspiele bekannt war. Trotz intensiver Werbung war es den Machern nicht möglich, die Produktionskosten durch den Verkauf der Hörspiele auf CD oder als Download wieder zu refinanzieren. Ein Problem, vor dem alle Label stehen und für das sich nun in Form des Crowdfunding eine mögliche Lösung andeutet.


Was ist Crowdfundig?

Crowdfunding ist eine Idee, die erstmals im Jahr 2000 umgesetzt wurde und bezeichnet eine Art der Finanzierung, bei der Aktionen (Produkte, Projekte oder auch Geschäftsideen von Privatpersonen) durch eine breite Masse an Unterstützern mit Fremdkapital ausgestattet werden. Dabei wird vor dem Start der Aktion ein bestimmter Betrag festgelegt, der erreicht werden soll. Im Verhältnis zu dieser Kapitalmenge leistet jeder einzelne Einzahler (Crowdfunder) nur einen geringen finanziellen Anteil. Für diese Leistung erhält er eine Gegenleistung, die verschiedene Formen annehmen kann (z.B. Rechte, Geld, Sachleistungen). Darüber hinaus kann die Gegenleistung einen ideellen oder altruistischen Wert besitzen. Die Kommunikation zwischen Geldgeber und Emfänger wird inzwischen zumeist über eine Plattform im Internet realisiert. Die erste dieser Art entstand 2009 in den USA. Dort veröffentlichen die Initiatoren eine Beschreibung ihres Projektes, mit der sie Interessierte von der Zweckhaftigkeit ihrer Beteiligung an der Sache überzeugen wollen. Eine wichtige Eingenschaft des Crowdfunding ist außerdem, dass das erzielte Geld zweckgebunden an die jeweilige Aktion ist. Wird der angestrebte Gesamtbetrag nicht erreicht, fließt das Geld wieder an die Einzahler zurück.


Crowdfunding und Hörspiele:

Im Frühjahr 2011 kam Crowdfunding erstmals in den Fokus der deutschen Hörspielszene. Das Label Lauscherlounge startete zu dieser Zeit eine Aktion auf der Crowdfunding-Plattform Startnext mit dem Ziel, die Produktion einer CD mit den Fällen 13 und 14 der Detektivserie Richard Diamond zu finanzieren. 5000 Euro sollten zusammenkommen, um die Honorare der Sprecher, des Musikers, des technischen Personals (Sounddesigner, Mischer, Regisseur), die Presskosten und auch die Kosten für den Versand der Hörspiele an die Unterstützer zu bezahlen. Am Ende wurde sogar ein deutlich höherer Betrag erzielt, denn über 200 Fans zahlten insgesamt 6425 Euro ein. Die Gegenleistungen für die Unterstützer reichten dabei, je nach Höhe ihres finanziellen Engagements, von einer CD mit den neuen Fällen von Richard Diamond (80 Untersützer wählten diese Option für einen Beitrag von 9 Euro) bis hin zu einer kleinen Gastrolle in einem der neuen Hörspiele. Zwei Fans der Serie war für die Möglichkeit, einmal in einer professionellen Hörspielproduktion mitwirken zu können, jeweils 500 Euro wert. Die Hörspiele wurden wie versprochen produziert und die Aktion von allem Seiten als Erfolg gewertet. Vor diesem Hintergrund war es absehbar, dass auch andere Label diesem Beispiel folgen würden.

So läuft derzeit eine Aktion des Labels Pandoras Play, mit dem die dritte Folge der Hörspielserie Terra Mortis gesichert werden soll. Dieses Mal lautet die Zielvorgabe 3000 Euro. Erneut wurde Startnext als Plattform gewählt und auch sonst hat die Aktion von Pandoras Play zahlreiche Gemeinsamkeiten mit jener der Lauscherlounge. Wieder sollen die gesamten Produktionskosten abgedeckt werden und wie gehabt winkt denjenigen, die den Höchstbetrag einzahlen, in diesem Falle sind es 200 Euro, eine kleine Gastrolle. Der Mindestbeitrag liegt dieses Mal bei 10 Euro, für den die Einzahler eine CD mit Terra Mortis 3 frei Haus geliefert bekommen. Die Crowdfunding-Aktion läuft inzwischen seit 22 Tagen und wird noch 78 Tage fortgesetzt. Bislang sind von 64 Unterstützern bereits 2120 Euro eingegangen, weitere 165 Euro sind zugesagt, stehen aber noch aus. Fünf Menschen zahlten bislang insgesamt 400 Euro als Spende ein, denen keine Gegenleistung zugeordnet werden konnte. Von den restlichen 59 Beitragenden steuerten 18 den Mindestbeitrag von 10 Euro bei, 24 bekommen für ihre 25 Euro die Folgen 1 bis 3 von Terra Mortis, signiert von Autor Dane Rahlmeyer. Erheblichen Anteil an der beträchtlichen Summe, die in kurzer Zeit bereits realisiert werden konnte, haben 6 Unterstützer, die für 100 Euro sich zusätzlich zu Terra Mortis 3 noch 10 weitere Hörspiele aus dem Programm von Pandoras Play aussuchen dürfen. Für eine Gastrolle konnte sich bisher noch kein Fan begeistern. Die genannten Zahlen sind nicht mehr als ein Zwischenergebnis nach 22 Tagen Laufzeit, doch es zeichnet sich ab, dass die Chance sehr groß ist, auch diese Aktion zum Erfolg zu machen und Terra Mortis 3 tatsächlich produzieren zu können (Stand der Einzahlungen: 14. Juli 2011).


Die Verantwortlichen von Pandoras Play kommunizierten ihr Vorhaben in mehren Hörspielforen und erhielten neben viel Zustimmung für ihre Vorgehen auch Kritik von Seiten der Fans. So wurde angemerkt, dass es sich bei Terra Mortis 3, anders als bei Richard Diamond, nicht um ein abgeschlossenes Hörspiel handele, sondern um den dritten Teil einer Geschichte, die auf insgesamt sechs Folgen mit durchgehender Handlung angelegt sei. Selbst wenn das Geld für Terra Mortis 3 zusammenkäme, so die Argumentation, sei dadurch immer noch nicht gesichert, dass auch die anderen ausstehenden Teile der Erzählung tatsächlich erscheinen würden. Es bestehe weiterhin die Gefahr, im ungünstigsten Fall trotz aller Zahlungsbereitschaft doch mit einer unvollendeten Geschichte dazustehen, wenn die Finanzierung der restlichen Episoden nicht zustande käme. Auch die Tatsache, dass durch Crowdfundig das unternehmerische Risiko der Macher gegen Null tendiere, während der Hörer die Katze im Sack kaufen müssten, sorgte für Unbehagen bei einigen Forenteilnehmern.

Für zusätzlichen Diskussionsstoff sorgte außerdem der Umstand, dass Pandoras Play recht offenherzig über Verkaufszahlen und Einnahmen Auskunft gab und dazu noch erläuterte, auf welche Einzelposten sich die Gesamtkosten verteilen (beides eher unüblich in der Hörspielszene). In den Augen einiger Beobachter wurden dabei Einsparpotentiale sichtbar, die man bislang seitens des Label noch nicht ausgeschöpft habe. Kritik wurde angesichts der niedrigen Verkäufe auch an der unzureichenden Vermarktung der Hörspielproduktionen von Pandoras Play laut. Unterm Strich, so das Fazit mancher Fans, habe man in der Vergangenheit zu wenig getan, um finanziell über die Runden zu kommen und wolle nun die Verantwortung für die Fortsetzung der Serie komplett auf die Hörer abwälzen. Im Gegenzug gaben die Befürworter der Aktion zu bedenken, dass es sich genau genommen um eine Vorbestellung des Hörspiels handle, was absolut legitim sei und in anderen Branchen auch schon seit längerer Zeit üblich.


Crowdfunding: Ein Zukunftsmodell?

Einmal vorausgesetzt, auch die laufende Aktion von Pandoas Play würde zu Erfolg, dann wäre es immer noch zu früh, Crowdfunding zum Allheilmittel für die Finanzprobleme der kleineren Hörspiellabel zu erklären, denn der wahre Stresstest steht immer noch aus. Dieser besteht darin, die erste Folge einer komplett neuen Serie vorab von den Hörern finanzieren zu lassen. Bei Richard Diamond und Terra Mortis dienten immerhin die vorausgegangenen Episoden als Referenz für die Qualität der Serien und die Ausssicht, deren Fortsetzung durch eine Finanzspritze ermöglichen zu können, half dabei, die Brieftaschen der Fans zu öffnen. Doch wie wird es sich bei einem völlig neuen Projekt verhalten? Eine Synopse der vorgesehen Handlung zu präsentieren, wird da nicht ausreichen. Wird man mit einem bekannten Autor werben oder tollen Sprechern, die man im Erfolgsfalle unter Vertrag nehmen könne? Wird man auf eigene Kosten ein Demo produzieren, dass die Unterstützer überzeugen soll? Wenn die Zeit dafür reif ist, dass auch solche Vorhaben mittels Crowdfunding realisiert werden sollen, wird von den Initiatoren Kreativität gefragt sein.

Den Kunden in finanzieller Hinsicht zum Produzenten zu machen, bedeutet in jedem Fall auch neue Fallstricke für die Label. Noch sind die Fans dankbar dafür, dass sie helfen dürfen, die in Not geratenen Serien am Leben erhalten zu können. Doch es wird der Moment kommen, an dem die Geldgeber Einfluss auf das Produkt nehmen wollen. Denn immerhin bestimmen diejenigen die Musik, die sie auch bezahlt haben. Vereinzelte Forderungen, man wolle vor einer finanziellen Beteiligung an Terra Mortis 3 zuerst das Skript der Episode sehen, gab es bereits. Doch kämen die Label diesem Ansinnen nach, wie sollten sie sich anschließend verhalten, wenn sie mit Änderungswünschen ihrer Unterstützer konfrontiert würden? Die Vorstellungen von 100 oder mehr Einzahlern zu berücksichtigen, ist schier ein Ding der Unmöglichkeit, denn jene Stelle im Skript, die dem einen so gut gefällt, will der nächste komplett gestrichen haben. Die gleiche Problematik ergäbe sich auch im Hinblick auf die Besetzung des Hörspiels, denn jeder Fan hat da so seine Favoriten. Hörspiele sind zwar immer ein Gemeinschaftsprojekt, doch kann man sie wirklich demokratisieren? Und selbst wenn, käme dabei ein besseres Produkt heraus? Zweifel sind durchaus angebracht.

Soweit man es derzeit sagen kann, besitzt Crowdfunding das Potential, die Hörpsielszene im Bezug auf die Finanzierung zukünftiger Produktionen nachhaltig verändern zu können. Noch ist nicht absehbar, ob wir bald zahlreiche Aktionen dieser Art sehen werden, doch zumindest an Labeln, die daran interessiert wären, die Herstellungskosten vorab auf diese Weise decken zu lassen, besteht aktuell kein Mangel. Dafür geht es zu vielen kleinen Herausgebern finanziell zu schlecht, als dass sie diese Möglichkeit für sich leichtfertig ausschließen könnten. Auf Hörspielmacher und -fans kommen auf jeden Fall interessante Zeiten zu.


WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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