Rezension: «Narcisse» (Hoerspielprojekt)

by 24.3.11 1 Kommentare
Kriminalgeschichten nehmen im Portfolio von Hoerspielprojekt bereits seit längerer Zeit einen festen Platz ein. Ende Februar erschien mit Narcisse eine Produktion aus der Feder von Karsten Sommer, die im Paris der ersten Jahre nach dem zweiten Weltkrieg spielt. Im Zentrum der Geschichte steht der Privatdetektiv Narcisse Astor Courtemanche, der von einem zwielichtigen Geschäftsmann den Auftrag bekommt, dessen verschwundene Frau zu finden. Wie sich herausstellen wird, handelt es sich hierbei nicht um einen Routineauftrag. Das Hörspiel hat eine Länge von ca. 34 Minuten (inkl. Credits) und kann kostenlos beim Hoerspielprojekt heruntergeladen werden.

Der Autor möchte sein Hörspiel als eine Hommage an den Film Noir verstanden wissen und in der Tat finden sich viele Elemente dieser Stilrichtung in Narcisse. Die Titelfigur ist kein strahlender Held, sondern ein Private Eye, dem es hauptsächlich darauf ankommt, sein finanzielles Überleben zu sichern. Die Motive seiner Klienten sind dabei bestenfalls zweitrangig und aus dem Zynismus, welchen er seinen Mitmenschen gegenüber empfindet, macht er keinen Hehl. Humphrey Bogarts Philip Marlowe aus Tote schlafen fest lässt schön grüßen. Auch die anderen Figuren könnten mit ihrer Verschlagenheit und Bösartigkeit einem Roman von Raymond Chandler entstiegen sein, wäre da nicht Paris als Ort der Handlung. Dies ist eine erfreuliche Abwechslung zu vielen anderen Geschichten, die zumeist in Amerika spielen.

Die Geschichte selbst ist etwas konventionell, dabei aber spannend erzählt. Karsten Sommer nutzt seine Hauptfigur als Ich-Erzähler und steigt nahe dem Finale der Handlung in die Geschichte ein, um dann schnell an deren Anfang zu springen und so die Ausgangslage zu erläutern. Dieses Wechselspiel zwischen den beiden Zeitebenen setzt sind im Verlauf des Hörspiels fort und es entsteht ein Spannungsmoment, dem es problemlos gelingt, den Hörer bei der Stange zu halten. Allzu zart besaitet sollte man übrigens nicht sein, denn Narcisse ist ein Mann, der austeilt und auch viel einstecken muss, was zu teilweise recht drastischen Szenen und Schilderungen führt, die vielleicht nicht jedem gefallen werden. Sie passen aber absolut zum Noir-Stil und sind eine Reverenz an die Pulpromane der 1930er und 1940er Jahre, die ebenfalls nicht mit Gewalt geizten. Angesichts der begrenzten Laufzeit holt Karsten Sommer nahezu das Maximum aus der Geschichte heraus.

Als Narcisse Astor Courtemanche ist Christoph Memmert zu hören, seinen Auftraggeber Henry Clairmont spricht Jan Schroeder. Beide haben ihre Parts im Griff und besonders Memmert gelingt es sehr schnell, die Figur des Narcisse im Kopf des Publikums zu etablieren. Auch beim Rest des Casts, der aus Ernszt Dubitzky, Christiane Marx, Jens Wenzel, Jennifer Tuttlies, Oliver Kube, Marco Ansing, Marc Schülert, Stefan Sauerzapf und Andreas Hegewald besteht, hatte Karsten Sommer eine glückliche Hand, denn alle Sprecherinnen und Sprecher sind in Hochform. Da stören manche kleinen Schwächen bei der Aussprache französischer Begriffe auch nicht.

Dass Karsten Sommer mit dieser Produktion sein Debüt als Regisseur und Cutter gibt, will man auf den ersten Blick gar nicht glauben, denn der Schnitt ist absolut professionell. Die Stimmen sind räumlich toll verteilt und die Soundeffekte genau passend eingesetzt. Dies gilt auch für die atmosphärischen Klänge und die Musik, die nicht nur die Handlung optimal unterstützt, sondern das Publikum perfekt ins Paris der Nachkriegszeit versetzt. Hier wurde mit viel Liebe zum Detail gearbeitet und dies zahlt sich auf ganzer Linie aus. Die vom Autor gesprochenen Credits sind wohl das Sympathischste, was man in dieser Richtung jemals gehört hat.

Alle genannten Faktoren wären völlig ausreichend, um Narcisse zu einem tollen Hörspiel machen - wären da nicht die letzten ca. 60 Sekunden vor dem Ende. Denn in dieser kurzen Spanne macht der Autor viel von dem kaputt, was er vorher so überzeugend aufgebaut hat. Anstatt der Handlung zu einem konsequenten Finale zu verhelfen, verpasst Sommer seinem Hörspiel einen überraschenden Schluss, der die gesamte Erzählung in einem komplett anderen Licht erscheinen lässt. Der Teufel weiß, was ihn dazu verleitet hat, seine Geschichte auf diese Art ab absurdum zu führen, denn es gibt keinen zwingenden Grund für dieses Vorgehen. Auch hat er es unterlassen, seine Hörer in irgendeiner Weise vorzubereiten, weshalb sich unweigerlich das Gefühl breit macht, auf Kosten einer vermeintlichen Schlusspointe um ein angemessenes Ende dieser wirklich interessanten Geschichte gebracht worden zu sein. Einfach nur schade.

Narcisse ist ein Hörspiel, dass über weite Strecken Spaß macht, sein Publikum gut unterhält und sowohl von den Sprechern als auch von der technischen Seite her überzeugen kann. Das Ende ist sicherlich Geschmackssache und mir gefällt es auch nach wiederholtem Hören nicht. Lohnend ist Narcisse dennoch auf jeden Fall.

WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

1 Kommentar:

  1. Ich fand das Finale auch mehr als enttäuschend.

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