Rezension: «Murder Documents 01: Haarmann» (Hoerspielprojekt)

by 13.3.11 1 Kommentare
Obwohl sie angesichts ihrer Taten zumeist nur Ekel, Abscheu oder Wut empfindet, üben Serienmörder jedoch gleichzeitig eine kaum erklärbare Faszination auf ihre Umwelt aus, welche sogar teilweise die Jahrzehnte überdauert. Ein Name hat sich in diesem Zusammenhang ins Gedächtnis der Deutschen eingebrannt wie kein zweiter: Fritz Haarmann. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen dem Schlächter von Hannover tatsächlich zum Opfer fielen. Nachgewiesen wurden ihm 27 Morde, wegen denen er im Jahre 1924 von einem Gericht zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil wurde 1925 vollstreckt.

Der Fall Haarmann ist auch deshalb gut dokumentiert, weil der Serienmörder dem Psychologen Ernst Schultze, der dessen Schuldfähigkeit feststellen sollte, über Wochen bereitwillig Auskunft über sein Vorleben und die Umstände gab, die ihn zu seinen Taten getrieben hatten. Auf diesen Unterlagen basiert Murder Documents 01: Haarmann, eine bemerkenswerte neue Produktion von Hoerspielprojekt mit einer Laufzeit von 64 Minuten, die zum kostenlosen Download zur Verfügung steht.

Diese Art von Hörspiel ist für das Hoerspielprojekt eine Premiere, denn erstmals wird keine fiktive Geschichte erzählt, sondern ein Zeitdokument vorgelegt, dass sich nicht nur auf einen realen Fall bezieht, sondern für das Skript wurde auf Originaldokumente zurückgegriffen, die das Bild eines zunächst verstörten und schließlich gestörten Menschen zeichnen, von dem man zwar nicht sagen darf, er hätte keine andere Wahl gehabt, dem von seinen Mitmenschen aber auch in einer Art und Weise übel mitgespielt wurde, wie man es sich kaum vorstellen mag. Selbst im Gewahrsam der Polizei haben die seelischen Grausamkeiten kein Ende. Es ist sehr wichtig für das Gesamtbild, dass Autor Roland Möntemann die Rolle, welche die Polizei im Fall Haarmann gespielt hat, nicht außen vor lässt. Zu behaupten, die Gesellschaft erst habe das Monster von Hannover erschaffen, ist mit Sicherheit eine unzulässige Verkürzung. Jedoch haben die gesellschaftlichen Verhältnisse der frühen Weimarer Republik, die vorherrschenden moralischen Vorstellungen und wirtschaftlichen Zustände auf jeden Fall eine wichtige Rolle dafür gespielt, was aus Fritz Haarmann schließlich geworden ist.

Alle wichtigen Einflussfaktoren werden in dem Hörspiel berücksichtigt, das viele harte Szenen enthält, die auch deshalb solche Intensität besitzen, weil sie nicht der Fantasie eines Autors entsprungen, sondern wirklich so geschehen sind. Führt man sich dies während des Hörens immer wieder vor Augen, wird es manchmal schwer, das Geschehen zu ertragen. Doch es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er die Fakten nicht abgemildert hat, um das fertige Werk leichter verdaulich zu gestalten, sondern bei der Wahrheit geblieben ist, so unangenehm sie auch sein mag.

Der Cast von Murder Documents 01: Haarmann ist sehr umfangreich, denn es galt, nicht weniger als 30 Rollen zu besetzen. Felix Würgler spielt den immer mehr abdriftenden Haarman mit beeindruckender Authentizität und bewältigt selbst schwierigste Passagen mit Bravour. Seiner Leistung ist es zu verdanken, dass das Hörspiel seine Intensität entfalten kann. Doch auch vor der Leistung der anderen Sprecherinnen und Sprecher muss man den Hut ziehen, denn sie alle können mehr als nur überzeugen, was bei einer so umfangreichen Besetzung absolut keine Selbstverständlichkeit ist.

Der Schnitt von Ryan´O´ Hershey, der auch für die Musik verantwortlich zeichnet, ist auf hohem Niveau und bietet keinen Anlass zur Beanstandung. Die Musik hält sich meistens im Hintergrund, unterstützt das Geschehen aber wirkungsvoll. Die Soundkulisse ist atmosphärisch gut und aufwändig gestaltet. Die Distanz des Hörers zum Geschehen wird teilweise nahezu aufgehoben und man hat plötzlich das Gefühl, selbst eines der Opfer von Haarmann zu sein. Die Beklemmung, die damit verbunden ist, bedarf keiner weiteren Erläuterung.

Herbert Ahnen hat ein sehr schönes Cover für die Produktion geschaffen, das im Stile einer alten Ermittlungsakte gehalten ist. Nichts könnte besser passen, basiert das Hörspiel doch auf den Originalunterlagen aus jener Zeit.

Murder Documents 01: Haarmann ist eine ambitionierte Produktion von Hoerspielprojekt und der Aufwand, der für dieses Hörspiel getrieben wurde, hat sich in jeder Hinsicht ausgezahlt. Man muss es Autor Roland Möntemann hoch anrechnen, dass er sich an dieses schwierige Thema herangewagt hat und dem allen Sprecherinnen und Sprechern ein großes Kompliment dafür machen, wie es ihnen gelungen ist, die Personen der Handlung vor dem inneren Auge der Hörerschaft zum Leben zu erwecken.

Wer auf der Suche nach einem nicht alltäglichen Hörspiel auf sehr hohen Niveau ist, der sollte sich Murder Documents 01: Haarmann nicht entgehen lassen.

WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

1 Kommentar:

  1. Auch wenn es schon etwas her ist, dass das Hörspiel hier besprochen wurde. Eine Kleinigkeit, oder nette Information am Rande. Die Geräusche von der Zellentür (klopfen und zusperren etc.) in die Haarmann gesperrt wurde, stammen aus genau diesem noch immer als Polizeigewahrsam genutzten Gefängnis. Ob es genau diese Zelle und Tür war vermag ich nicht zu sagen. Aber es war auf jeden Fall in genau diesem Trakt wo die Aufnahmen für das Hörspiel gefertigt wurden.

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