Rezension: «Solpicierre» (hoerspielprojekt)

by 3.8.10 1 Kommentare
Während die meisten von uns versuchen, möglichst viel Zeit in der Sonne zu verbringen, widmet sich eine neue Produktion von hoerspielprojekt den Kreaturen der Nacht: Vampiren. Diese Spezies erfreut sich seit einiger Zeit besonderer Beliebtheit bei Autoren und Publikum und erlebt im Moment mit der Twilight-Reihe einen Hype sondergleichen. Solpicierre, so der Titel des neuen Hörspiels, geht das Thema allerdings nicht so romantisch verklärt an. Die Geschichte hat eine Laufzeit von ca. 58 Minuten und stammt aus der Feder von Anne Kahnwald. Wie alle Produktionen von hoerspielprojekt steht sie zum kostenlosen Download zur Verfügung.

Alles beginnt in einem winzigen, unbekannten Ort, in dem eine düstere Legende im wahrsten Sinne des Wortes begraben liegt. Eines Tages macht sich Edouard Viniere zusammen mit seinen beiden Soehnen Pierre und Jacques auf, diese Legende zu erforschen. Was sie entdecken, wird ihr Leben für immer verändern. Ein Vertreter des Alten Roms taucht auf sowie ein Blutsauger, der erst noch einer werden muss. (Text des Backcovers)

In der zurückliegenden Zeit habe ich an dieser Stelle und vor allem im meinem Science-Fiction-Blog mehrfach Hörspiele vom hoerspielprojekt rezensiert. Ich habe mich dabei unter anderem von dem Gedanken leiten lassen, dass die Kreativen, wenn sie schon kein Geld für den Download ihrer Produktionen verlangen, wenigstens Anspruch auf ein ordentliches Feedback seitens der Hörer haben. So ist es auch in diesem Fall.

Wie bereits erwähnt, schwimmt Solpicierre nicht auf der Mainstreamwelle mit, sondern will der romantischen Verklärung des Vampir-Mythos eine Absage erteilen. Zunächst keine Spur von Teenie-Dramen à la Twilight, hier geht es nach wenigen Minuten bereits richtig zur Sache und die ersten Opfer sind zu beklagen. Der Einstieg in die Geschichte ist durchaus gelungen. Die Handlung nach Frankreich zu verlegen, ist eine schöne und unverbrauchte Idee. Dass es nicht gut enden kann, wenn unbedarfte Hobbyarchäologen in alten Gewölben herumstöbern, ist dem Hörer zwar von Beginn an klar, doch passende atmosphärische Sounds, dramatische Musik und ein toller Markus Raab als Erzähler sorgen dafür, dass es dem Hörer kalt den Rücken runterläuft, wenn die drei Vampirfürsten  Azraêl, Izmaêl und Razmaêl aus dem Totenreich in unsere Welt zurückkehren. An dieser Stelle freut man sich darauf, was die drei Blutsauger wohl als nächstes vorhaben.

Doch kaum hat man sich auf das böse Trio eingelassen, da schwenkt die Geschichte um. Im Mittelpunkt steht nun der Jungvampir Constantin, der aus einem nicht näher erläuterten Grund ein Übervampir werden soll. Einen Großteil der Handlung kann man nun seine ersten Schritte als Vampir mitverfolgen. Da ist es also doch, das Thema Teenie-Vampir. Schade, denn der ganze Plot um Constantin lenkt unnötig von Azraêl, Izmaêl und Razmaêl ab (wieso muss ich bei den Namen eigentlich immer an Tick, Trick und Track denken?), welche die wesentlich interessanteren Charaktere sind. Erst zum Finale spielen sie wieder die Hauptrolle und die Handlung nimmt entsprechend erneut richtig Fahrt auf. Nun stellt sich auch das Gänsehaut-Feeling wieder ein, dass man seit dem furiosen Beginn so schmerzlich vermisst hat. 

Alles dazwischen zerrt doch deutlich an den Geduldsfäden der Zuhörer. Natürlich kann man beide Handlungsstränge auch in einer Geschichte unterbringen, doch Solpicierre nimmt sich keine Zeit, auch nur einen von diesen anständig zu entwickeln. Zieht man Abspann und Outtakes ab, so bleiben gerade einmal 52 Minuten, in die man die gesamte Handlung gequetscht hat. Wieso die Eile? Das Publikum hört dankbar auch noch dreißig weitere Minuten zu, wenn ihm eine gute Geschichte geboten wird. So bleibt leider zu viel im Ansatz stecken. Außerdem provoziert man so unnötige Logikfehler, auf die ich im Detail nicht eingehen will.  All dies hinterlässt beim Hörer ein flaues Gefühl im Magen. Irgendwie hebt sich alles gegenseitig auf. Am Schluss steht man als Hörer unschlüssig da und weiß nicht, was man von den Handlungsfragmenten halten soll, denen man da knapp eine Stunde lang gelauscht hat.

Dazu trägt auch das Ende bei, das eigentlich gar keines ist, denn die Handlung hört einfach abrupt auf. Soll es zu diesem Hörspiel noch einen zweiten Teil geben? Oder ist das Ganze gar als Serie geplant? Das Lexikon, dass man sich mit dem Hörspiel herunterläd und immerhin 23 Audiobeträge mit einer Gesamtlaufzeit von ca. 13 Minuten enthält, deutet jedenfalls darauf hin. Zum Verständnis dieser Geschichte, wird es allerdings nicht benötigt. Wäre ja auch schlimm, wenn sich die Handlung nicht aus sich selbst erklären würde. Auf jeden Fall findet sich weder vor oder nach dem Abspann einen Hinweis, wie die Handlung fortgeführt wird. Auch auf dem schön gestalteten Cover, dass man sich bei Interesse ausdrucken kann, findet man nichts dazu. Dies ist nicht zuletzt deshalb problematisch, weil man jene Hörer, die sich auf eine abgeschlossene Geschichte gefreut haben, nahezu zwangsläufig enttäuscht.

Die Sprecher machen das Beste aus der Geschichte und liefern durch die Bank eine gute Leistung ab. Der rein männliche Cast, bestehend aus Markus Raab, Jan Schroeder, Robert Kerick, Markus Haacke, Tobias Diakow,    Ralf „Searge“ Pappers, Roman Ewert, Max Gorsky, Marcel Kubik, Paul P.  Burghardt, Torsten Paubandt, Björn Korthof, Robert Knolmar, Sascha Kiss und Michael Gerdes geht in seinen Rollen auf und hinterlässt einen positiven Eindruck. Besonders Jan Schroeder ist mir nachhaltig aufgefallen, denn so wie er die Figur Azraêl angelegt hat, stellt man sich einen bösen Vampirfürsten vor. Der Mann macht mir Angst.

Was die technische Umsetzung angeht, so gibt es auch nach mehrmaligem Hören keinen Anlass zur Klage. Der Schnitt geht absolut in Ordnung und die eingesetzten Soundeffekte schaffen einen Klagraum, der den Hörer durchweg in die richtige Stimmung versetzt. Daran hat auch die Musik des Hörspiels ihren Anteil, welche die Handlung stets gut unterstützt. Jan Schroeder, bei Solcipierre für Cut und Musik verantwortlich, kann mit seiner Arbeit wirklich zufrieden sein.

Das Cover, gestaltet von Wolfram Damerius, hatte ich bereits kurz erwähnt. Er bleibt seinem Stil treu und schafft eine düstere und bedrohliche Atmosphäre, sehr stimmig mit der Handlung des Hörspiels.

Solpicierre hat viele Anlagen, die ein gutes Hörspiel ausmachen, leidet jedoch unter einer unausgewogenen Handlung, die zu viel will und darum umso weniger erreicht. Mehr Laufzeit oder die Konzentration auf einen Handlungsstrang hätten der Geschichte gut getan. Die Charaktere bekämen so mehr Profil und der Hörer würde sich dann auch wirklich für sie und ihr Schicksal interessieren. Die Ansätze dafür sind ohne Zweifel vorhanden.

Bei aller Kritik hoffe ich sehr, dass die Geschichte eine Fortsetzung erfährt. Denn es wäre wirklich schade, wenn wir nichts mehr von den drei Vampirfürsten Azraêl, Izmaêl und Razmaêl hören würden.


Link: Download des Hörspiels bei hoerspielprojekt

WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

1 Kommentar:

  1. Vielen Dank von Azrael ;O) für die ausgiebige Kritik. Da wir gerade an einem zweiten Teil arbeiten, hilft uns dass gut weiter - vor allem, was die Konzentration auf bestimmte Handlungsstränge und die Entwicklung der Figuren angeht!

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