Rezension: «KomA» (hoerspielprojekt)

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Was braucht es, damit ein durchschnittlicher Teenager  die Kontrolle über sich verliert und eine Handlung begeht, die seinem Wesen scheinbar überhaupt nicht entspricht? Dieser Frage geht Autor Paul Burghardt in seinem Hörspiel KomA nach, das seit letztem Sonntag auf der Website von hoerspielprojekt  zum kostenlosen Download bereitsteht. Die Antwort ist so trivial wie schockierend:  Eigentlich nicht viel.

Philipp ist einer von Millionen Menschen auf der Welt und unterscheidet sich nicht vom Rest. Sein Leben sowie sein Charakter zeichnen sich durch Gewöhnlichkeit und auffällige Unauffälligkeit aus. Bis zu jenem Tag... bis zu jenem Ereignis... (Klappentext)

Autor Paul Burghardt nimmt sich in KomA dem ernsten und aktuellen Thema der Amokläufe von jungen Menschen an Schulen an. Ein Phänomen, über dessen Ursachen seit den Ereignissen am Gutenberg-Gymnasium in Erfurt vom 26. April 2002  in Deutschland heftig und nicht nur sachlich diskutiert wird. Wer trägt die Schuld? Sind es überforderte Lehrer, gleichgültige Eltern, gewalttätige Mitschüler oder die Medien mit ihren Gewalt verherrlichenden Filmen? Welche Rolle nehmen Killerspiele ein? Oder sind die Täter einfach nur verrückt? Das Hörspiel betrachtet die Ereignisse aus Sicht des Täters und gibt uns einen Einblick in seine Psyche. In Rückblicken erzählt die Hauptfigur von den letzten Tagen vor dem Ereignis und davon, was schließlich zur Katastrophe geführt hat.

Die Charaktere der Geschichte sind glaubwürdig, auch wenn man sich mancher Klischees bedient hat. Mindern tut dies die Relevanz der Figuren und der Handlung in keinster Weise. Tobias Diakow spricht die Hauptfigur Philipp sehr natürlich und macht sie für den Hörer greifbar. Sicherlich keine einfache Rolle, doch Diakow kann vollauf überzeugen.
Auch die anderen Sprecherinnen und Sprecher brauchen sich mit ihren Leistungen nicht zu verstecken. Joachim Klotz, Robert Kerick, Max Gorsky, Labinnah Ibanez, Marianne Häberli, Andreas Hegewald, Paul Burghardt, Stefanie Puke, Erik Albrodt, Sabine Graf und Sandra Engel sprechen ihre Rollen, unabhängig von deren Größe, mit viel Engagement.

Die Soundeffekte und besonders die Hintergrundgeräusche werden dezent eingesetzt. Zumeist sind sie stimmig, obwohl noch etwas Luft nach oben wäre. Die räumliche Verteilung der Stimmen könnte in manchen Szenen noch ausgefeilter sein und am Raumklang wurde etwas gespart. Beispielsweise soll der Hörer in einer Szene glauben, dass mehrere Personen einen Gang hinunterlaufen, doch es klingt vielmehr, als würden sie auf der Stelle treten. Dem Gesamteindruck des Hörspiels tut dies hingegen keinen Abbruch. Ansonsten gibt es an technischen Umsetzung, wie etwa dem Schnitt von KomA, absolut nichts auszusetzen.
Zwar hat man für diese Produktion auf einen speziell dafür geschrieben Soundtrack verzichtet, die Tracks von Kevin MacLoad, die man unter Verwendung der CC-Lizenz im Hörspiel verwendet, passen aber hervorragend zur Handlung und zur Stimmung in den jeweiligen Szenen.

Besondere Erwähnung verdient das Cover des Hörspiels, das von Wolfram Damerius gestaltet wurde. Es setzt nicht auf überflüssige Dramatik, sondern weckt die Aufmerksamkeit des Hörers durch seine Schlichtheit, die klare Aufteilung der Bildelemente und der nahezu vollkommenen Verweigerung von Farbe. Ein tolles Cover, dass perfekt zur Stimmung des Hörspiels und seiner Hauptfigur passt.


KomA ist ein ungewöhnliches Hörspiel, dass es wagt, ein heißes Eisen anzupacken. Dass dies erfolgreich und seriös gelingt, liegt nicht zuletzt daran, dass hier nicht gewertet oder gar verurteilt wird. Der Hörer soll sich seine eigenen Gedanken machen und selbstständig eine Meinung zu dem Gehörten entwickeln. Mit diesem Ansatz ist KomA ein wichtiger Beitrag zu einem gesellschaftlichen Problem, dem viele Menschen ratlos gegenüberstehen. Für das hoerspielprojekt ist KomA ebenfalls ein wichtiges Ereignis. Zum ersten Mal legt man eine Produktion mit gesellschaftspolitischer Relevanz vor, die beweist, dass es gerade die Non-Profit-Hörspiele sind, die das Medium voranbringen. Sie können es sich erlauben, jenseits von wirtschaftlichen Erwägungen die Themen aufzugreifen, denen sich die kommerziellen Label niemals widmen werden.

Wer glaubt, aus den Medien die ganze Wahrheit über die Ereignisse und die Täter von Erfurt bis Winnenden erfahren zu haben, der kann KomA ignorieren. Wer allerdings der Meinung ist, das die Wirklichkeit komplexer ist, der sollte sich KomA auf jeden Fall anhören.


 

WatchmanCL

Blogger und Rezensent

Christian Loges lebt und arbeitet in Aachen. Wenn er nicht gerade bloggt, verbringt er seine Freizeit gerne mit seinen Freunden und in der Natur. Oder er gönnt sich bei einem anständigen Kaffee ein gutes Buch, einen Film, eine Serie, einen Comic oder ein Hörspiel.

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